Weggehen und gleichzeitig da sein (CfP)

Weggehen und gleichzeitig da sein

das deutschsprachige Exil vom 19. Jahrhundert bis 1945 aus transnationaler Perspektive.

Internationaler Workshop für Nachwuchswissenschaflter
29. November 2013
Paris (Universität Sorbonne-Nouvelle-Paris 3)

Ich habe damals zum erstenmal alles ernst bedacht: Vergangenheit und Zukunft, einander gleich und ebenbürtig an Undurchsichtigkeit, und auch an den Zustand, den man auf den Konsulaten ‘Transit’ nennt und in der gewöhnlichen Sprache Gegenwart. Und das Ergebnis: nur eine Ahnung – wenn diese Ahnung verdient, ein Ergebnis genannt zu werden – von meiner eigenen Unversehrbarkeit. Anna SEGHERS

Nach dem postcolonial turn hat die transnationale Geschichte in der Migrationsforschung  neue Einsichten gewährt. Über das Transnationale nachzudenken bedeutet auch das Nationale und all die damit verbundenen methodologischen Probleme erneut zu durchdenken. Die theoretischen Ansätze der transnationalen Forschungsrichtung gehen zwar über den Rahmen des Nationalstaates hinaus, setzen aber dessen Vorhandensein voraus (Nancy Green: 2011 ; Glick Schiller, Basch, Blanc-Szanton: 1992), da sie sich vor allem mit Migrationsbewegungen im globalen Zeitalter befassen. Aus der Untersuchung von früheren Auswanderungswellen ergibt sich aber, dass vor 1945 das Konzept der Nation im deutschsprachigen Raum nicht völlig gültig ist : das 19. Jahrhundert ist das Jahrhundert der nationalstaatlichen Bildung, und in den Jahren 1933-1945 wird die Nation durch die territoriale und politische Ausdehnung des NS-Staates in Frage gestellt,
Im 19. und 20. Jahrhundert erfolgen zahlreiche Auswanderungswellen aus dem deutschsprachigen Raum, darunter erzwungene Migrationen, die häufig politisch bedingt. sind Diese komplexe Problematik des Exils, das aber auch zum Teil zu den klassischen Formen der Auswanderung gehört (Gründe der Flucht bzw. Vertreibung, Zielländer, Netzwerke, in der Fremde entwickelte Identitätsstrategien usw), soll im Rahmen des Workshops thematisiert werden. Folgende Fragestellungen können in dieser Hinsicht erörtert werden : Wie werden Individuen, die zur Flucht gezwungen wurden, zu transnationalen Akteuren, obwohl sie diesen Zustand nicht gewählt haben und infolgedessen die daher rührenden Auswirkungen wohl zurückweisen ja verleugnen können? Inwiefern können die transnationalen Ansätze die Untersuchung der zwischen den Migranten geknüpften Beziehungen durch die Diaspora-Forschung vervollständigen (Martiniello: 2007, Bauböck et Faist: 2010)?
Darüber hinaus wird in der transnationalen Perspektive sowohl der Standpunkt der Migranten als der der in den Zielländern betroffenen Personen und Institutionen einbezogen. Die in der Fremde vorhandenen Integrations- und Identitätsphänomene können dementsprechend innerhalb eines Zwischenraumes neu erforscht werden, den wir « Schwelle » nennen werden.
Für Benjamin ist « die Schwelle ganz scharf von der Grenze zu scheiden. Schwelle ist eine Zone. Wandel, Übergang, Fluten liegen im Worte ‘schwellen’ und diese Bedeutung hat die Etymologie nicht zu übersehen » (Benjamin : 1983). Anhand dieser Definition können die Überlegungen zu den im transnationalen Raum stattfindenden Übergangsriten (Turner : 1967) sowie zu dem « Verhältnis zu dem Fremden » (Simmel : 1908) und zu sich selbst neu strukturiert werden

Die Erfahrungen der Emigranten sollen den Aussichten der Einwohner der Gastländer nicht gegenübergestellt werden, die Perspektive der Rezeption und Perzeption des Exils muss aber viel mehr in den Vordergrund gerückt werden. Diese Neuorientierung der Forschung wird durch die jüngsten methodologischen Konzepte und Werkzeuge ermöglicht. In diesem Sinne kann auf die Kulturtransferforschung zurückgegriffen werden (Espagne u. Werner : 1988), die auf der Untersuchung interkultureller Phänomene und transnationaler Migration basiert.

Der Erfolg kultureller Transfers hängt nämlich von der Bereitschaft der Gastgesellschaft ab, sich gegenüber der Alterität zu öffnen. Können die Migranten im Gastland eine Lücke füllen ? Kann es noch von « Kulturtransfers » die Rede sein, wenn Individuen an der Schwelle stehen bleiben ?
Ausser dem Exil selbst – im 19. Jahrhundert oder zwischen 1933 und 1945- fordert auch die transnationale Geschichte dazu auf, die « Remigration » oder die Fortsetzung der Auswanderung erneut zu untersuchen.
Die transnationalen Forschungsperspektiven bieten die Möglichkeit, erforschte Perioden der Geschichte der deutschen Nation neu zu beleuchten. Die Erforschung dieser Epochen, in denen die Kategorie des Nationalstaates -oder der Nation überhaupt- nicht gültig ist, erlaubt uns umgekehrt, die Werkzeuge des Transnationalismus in Frage zu stellen.

Willkommen sind alle Beiträge aus der Geschichte, Kunstgeschichte, Soziologie aber auch aus der Translatologie, und aus den Kultur-, Musik-, Theater- oder Literaturwissenschaften, die sich mit dem deutschsprachigen Exil zwischen 1800 und 1945 befassen, ganz gleich in welchem Land bzw. in welchen Ländern die Migranten sich dauerhaft oder kurzfristig niedergelassen haben.
Die Vorträge von 20 bis 30 Minuten Dauer (+ 15 Min. Diskussion) können auf Deutsch, Französisch und Englisch gehalten werden. Wir freuen uns über Bewerbungen mit einem Exposé von maximal einer Seite und einem kurzen Lebenslauf (möglichst als ein zusammenhängendes Pdf) bis spätestens 30. Juni 2013 per Email an:

exiltransnational2013@gmail.com

Nach Möglichkeit werden Reise- und Übernachtungskosten der Vortragenden übernommen.

Bibliographie :

Bauböck, Rainer, Faist, Thomas (Hrsg.), Diaspora and Transnationalism. Concepts, Theories, Methods, Amsterdam: Amsterdam University Press, 2010

Benjamin, Walter, Das Passagen-Werk, Francfort/Main : Suhrkamp, 1983.

Boccagni, Paolo, ‘Revisting the ‘’Transnational’’,  in: Migration Studies : a Sociological Understanding’, REMI, 28/1, 2012.

Espagne, Michel, Werner, Michael, Transferts. Les relations interculturelles dans l’espace franco-allemand (XVIIIe et XIXe siecle), Paris : Éditions recherche sur les civilisations, 1988.

Espagne, Michel, Les transferts culturels franco-allemands, Paris : Presses universitaires de France, 1999.

Glick-Schiller Nina, Basch Linda, Blanc-Szanton Cristina, Towards a Transnational Perspective on Migration. Race, Class, Ethnicity, and Nationalism Reconsidered, New York: New York Academy of Sciences, 1992.

Green, Nancy, ‘Le transnationalisme et ses limites : le champ de l’histoire des migrations’, in : Zúñiga, Jean-Paul (Hrsg.), Pratiques du transnational. Terrains, preuves, limites, Bibliothèque du Centre de recherches historiques, 2011, http://hal.archives-ouvertes.fr/hal-00650024/fr/.

Martiniello, Marco , ‘Transnationalisme et immigration’, Ecarts d’identité, 111, 2007, SS. 76-79.

Simmel, Georg, Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Berlin: Duncker & Humblot, 1908 (1. Auflage)

Turner, Victor W., The Forest of Symbols; Aspects of Ndembu Ritual, Ithaca, N.Y. : Cornell University Press, 1967.

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